Kerstin Kuzia

Kurzbiografie

Kerstin Kuzia wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. Bereits mit sechs Jahren wurde sie von ihrer Mutter für ein dreiviertel Jahr in eine kinderpsychiatrische Einrichtung abgeschoben, angeblich wegen Bettnässerei (psychologische Interpretation heute: Die Seele weint).
Kurz danach wurde sie von der Mutter, die sich an das Jugendamt gewand hatte, in einem Spezialkinderheim  untergebracht und schlielßlich zur Adoption freigegeben. Damit oblagen dem Jugendamt die Fürsorge und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Kerstin Kuzia, für die eine Odyssee durch das gesamte Jugenderziehungssystem der DDR begann.

Bis zu Ihrer Volljährigkeit wurde sie im offenen Jugendwerkhof Hummelshain untergebracht. Unterbrochen wurde dieser Aufenthalt für vier Monate, in denen Kerstin Kuzia die schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens mit dem staatlichen Erziehungssystem der DDR machen musste: im geschlossenen Jugendwerkhof (GJWH) Torgau.

Hier herrschte Sprechverbot, es gab quasi-militärische Appelle, ständige Kontrolle und Beobachtung – selbst bei Toilettengängen Verrichtung auf Befehl. Beim Sport wurden die Jungs und Mädchen bis zur Erschöpfung getrieben, 100 Liegestütze oder mehr waren keine Seltenheit. Brach jemand zusammen, gab’s Strafsport für die gesamte Gruppe. „Ich hoffte da drin nur von Tag zu Tag, dass ich es überlebe. Mit 16 Jahren wirklich an Überleben zu denken und in ständiger Angst und Panik zu sein, dass man wieder geschunden, gedemütigt und geschlagen wird, ist ein Trauma, das man nie wieder los wird.“ (Kuzia)

Der GJWH Torgau war der einzige geschlossene Jugendwerkhof der DDR und war dem Volksbildungsministerium der DDR, unter Führung von Margot Honecker, unterstellt. Die Einweisung in den GJWH erfolgte ohne Gerichtsbeschluss. Fünf Selbstmorde gab es in Torgau offiziell.

Heute arbeitet Frau Kuzia ihre Erlebnisse in der Öffentlichkeit als Zeitzeugin auf. Sie ist Mitglied der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. sowie Mitglied des VOS – Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge- Opfer des Stalinismus e.V. Weiterhin engagiert sie sich in Hilfsprojekten für Jugendliche. Sie unterstützt die Choreografin Golde Grunske aus Cottbus und deren Tanzprojekt “Schocktherapie”, „…denn jeder ehemalige politische Häftling findet sich in diesem Tanzstück wieder.“ (Kuzia).

Ebenfalls unterstützt sie die Buchautorin Grit Poppe, die derzeit einen Jugendroman über die Jugendwerkhöfe, darunter Torgau, veröffentlicht hat. Zwei Jahre hat Kerstin Kuzia ihr als Zeitzeugin mit viel Hintergrundwissen zur Verfügung gestanden, damit das Buch “Weggesperrt” (Dressler Verlag) erscheinen konnte. Für anschließende Gespräche begleitet Frau Kuzia die Lesetour von Grit Poppe.

Kerstin Kuzia lebt mit ihren beiden Söhnen in Berlin und ist heute auf Grund der Haftfolgeschäden berentet.

Kommentar

 
  • Gilbert sagt:

    Liebe Nachbarin auf dem Kreativhaus-Podiumsstuhl!
    Lieder musste ich ja vorzeitig weg – hatte zwei Führungen und ein Interview in Hohenschönhausen. Gern hätte ich mit Ihnen noch ein wenig geplaudert. Deshalb will ich nur sagen: ich fand es ganz toll, wie Sie das gemacht haben – sehr schülergerecht; direkt, ohne anbiedernd zu sein; emotional, ohne gefühlsduselig zu werden; knapp und präzise. Und nur wenn man, wie ich, sehr nahe neben Ihnen war, konnte man hinter dem Lächeln manchmal so etwas wie eine tiefe, verschleierte Traurigkeit sehen. Aufgrund Ihrer offenbar naturgegebenen Offenheit und Lebendigkeit kommt man so gut wie nie auf die Idee, dass da gelegentlich über den Erinnerungsschmerz eine (Schutz-)Maske gelegt ist. Es war mir ein Vergnügen, neben Ihnen zu sitzen. Herzlich – Gilbert Furian.