20. Jahrestag des Mauerfalls – Der große Aufbruch aus ostdeutscher und polnischer Sicht

Im Rahmen des Projekts MauerSegler09 begrüßten wir am 09. November bei uns im KREATIVHAUS die 9. Klasse der St. Marien-Oberschule aus Neukölln. An diesem geschichtsträchtigen Tag, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, hatten wir uns was Besonderes einfallen lassen. Da viele der 27 Schülerinnen und Schülern ihre Wurzeln in Polen haben, stand diesmal nicht der Vergleich zwischen Ost- und Westberlin im Vordergrund, sondern wir legten unseren Fokus auf das östliche Nachbarland. Wie jedes Mal begann die Veranstaltung mit einer thematischen Einführung, die sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bezog und die Ereignisse in Polen und den beiden deutschen Staaten erläuterte. Somit wurde ein historischer Rahmen geschaffen, der den SchülerInnen und ZeitzeugInnen den Einstieg in das Zeitzeugengespräch erleichtern sollte. Gemäß unserem Schwerpunkt war auch die Konstellation der ZeitzeugInnen anders als bei den vorherigen Veranstaltungen. 3 Gäste aus Polen so wie ein ehemaliger DDR-Bürger standen den SchülerInnen Rede und Antwort. Der Fokus wurde auf den Vergleich der sozialen, kulturellen und politischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den beiden sozialistischen Ostblock-Staaten sowie die Entwicklung der Opposition gelegt. Die Lebensläufe und Betrachtungsperspektiven der Gäste waren sehr unterschiedlich und ermöglichten uns allen einen sehr differenzierten Einblick in das soziale und politische Leben vor der Wende.

So konnte uns Bogdan Przezdziak, der interessanterweise sein bisheriges Leben, um es salopp zu formulieren, in drei Phasen einordnen könnte: 20 Jahre Polen, 20 Jahre DDR und die letzten 20 Jahre BRD, seine Gedanken und Betrachtungen zu diesen drei Systemen schildern. Vor allem seine nüchterne Beschreibung, wie er von einen Tag auf den anderen ohne den Wohnort gewechselt zu haben, zum BRD-Bürger wurde, rief bei den SchülerInnen großes Amüsement hervor. “Ich blieb in der Wohnung, wo ich schon immer gewohnt hatte, die Straßennamen um mich herum änderten sich, man übereichte mir einen neuen Ausweis und so wurde ich von heute auf morgen ohne mein Zutun ein Bürger der BRD”. Unsere nächste Zeitzeugin war Ewa Maria Slaska, die bei den Anfängen der Solidarnosc- Bewegung selbst politisch aktiv war und so aus erster Hand über die Ereignisse auf der Danziger Werft berichten konnte. Sie war damals Ansprechpartnerin für die ausländischen Journalisten vor Ort und musste später wegen Repressalien das Land verlassen. Vor allem ihre Schilderung der ständigen Beobachtung, Verfolgung und des latenten psychischen Drucks, dem sie seitens der Staatssicherheit ausgesetzt war, konnte man unmittelbar nachempfinden. Aber auch die Reflexion über die drei Spitzel, die ihr ständig folgten, gegen die sie aber keinen Groll mehr hegt, brachte das Zeitzeugengespräch immer wieder auf die persönliche, menschliche Ebene. “Sie taten mir auch irgendwie leid, sie waren auch nur kleide Rädchen im System und machten ihren Job”. Weiterhin berichtete sie ausführlich über die Zeit der Entstehung von Solidarnosc, lieferte Hintergrundwissen zu den Ereignissen der 70er Jahre und gewährte den SchülerInnen auf diese Weise einen sehr persönlichen Geschichtseinblick in diese Zeit. Ewa Maria Slaska engagiert sich seit längerer Zeit für die Belebung der deutsch-polnischen Beziehungen und wurde aus diesem Grunde 2003 mit dem Journalistenpreis und 2004 mit dem Ehrenpreis des Berliner Kulturamtes ausgezeichnet.

Als Zeitzeugen der ehemaligen DDR hatten wir Lars zu Gast, der sehr von der politischen Haltung seines Vaters und Bruders geprägt wurde. Beide waren in der SED, so wurde auch er zum stellvertretenden FDJ-Sekretär der Volkswerft in Stralsund und begleitete als Betreuer den Fackelmarsch zum 40. Jahrestag der DDR. Später begann er am System der DDR zu zweifeln und glaubte, wie viele andere, an die Notwendigkeit einer Reform. Er geriet damit mit seinem Vorgesetzten in Konflikt und trat später aus der Partei aus. Er berichtete von seiner Jugend und auch seiner anfänglichen Begeisterung für das sozialistische System. Weiterhin sprach er über die Rezeption der Solidarnosc-Bewegung in der DDR, wie sie von der Staatsmacht diskreditiert wurde und wie man sich polnischer Stereotypen bediente, um die Gewerkschaftsbewegung als eine Bewegung der faulen, konterrevolutionären Elemente zu brandmarken. Das Gespräch kam immer wieder auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den beiden Gesellschaften, so dass man auch einen guten Einblick in die Sozialgeschichte beider Länder bekam.

Ich selbst erlebte die Zeit vor der Wende als Kind und Jugendlicher und konnte so den SchülerInnen die Zeit aus dieser, ihrer jetzigen, Perspektive schildern. Vor allem die Verhängung des Kriegszustands in Polen am 13. Dezember 1981 blieben mir tief in Erinnerung. Als damals die Panzer vor unserem Haus rollten, empfand ich diese Situation aus kindlicher Wahrnehmung und Naivität heraus sehr faszinierend und aufregend. Für uns Kinder war es wie ein Spiel und der Ernst der Lage entzog sich unserer Vorstellungskraft. Später als Jugendlicher wurde ich nach und nach mit dem Alltag im sozialistischen Polen konfrontiert und nahm die sozialen und politischen Probleme viel bewusster und differenzierter wahr. So erzählte ich über meine Schulzeit, meine Träume und Idole der Jugend, die starke Präsenz der katholischen Kirche in der Erziehung, versuchte aber immer wieder das persönlich Erlebte  in einen übergeordneten geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen.

Für die meisten der SchülerInnen liegt die Zeit vor der Wende ganz weit zurück, dennoch zeigten sie großes Interesse, fragten nach und hörten den Zeitzeugenberichten aufmerksam zu. Eine der Schülerinnen brachte einen Briefumschlag mit dem Aufdruck von Solidarnosc mit, den sie von ihren Eltern bekommen hatte. Es war ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie man trotz staatlicher Zensur immer wieder Wege fand, die Solidarität mit der verbotenen Gewerkschaftsbewegung zu demonstrieren. Aber nicht nur ernsthafte geschichtliche und politische Themen standen im Mittelpunkt des Gesprächs, auch die Probleme des Alltags, das alltägliche Leben von Teenegern jener Zeit weckte bei vielen SchülerInnen Interesse und Neugier. So konnten die “jüngeren” Zeitzeugen wie ich und Lars berichten, wie man sich Tonbänder und Schallplatten auf dem Schwarzmarkt besorgte, mit bunten Bravo-Plakaten auf dem Schulhof handelte oder an die neuste Musik im Radio rankam. Außerdem verriet uns Lars die Strategie eines Discobesuchs in der DDR. Da man aufgrund der vorgeschriebenen Quote von 40/60 in jeder Disco 60 Prozent DDR-Musik spielen musste, konnte man sich mittels einer einfachen mathematischen Formel ungefähr ausrechnen (Dauer der Disco – 60% der Zeit), wann man zu erscheinen hatte, um dann rechtzeitig zu der Westmusik das Tanzbein zu schwingen.

Was ich dann für mich persönlich als Fazit des Zeitzeugengesprächs ziehen würde, wäre folgendes: Wie unterschiedlich auch die einzelnen Ostblockstaaten und deren Gesellschaften geprägt waren, sei es der starke Einfluss der katholischen Kirche in Polen oder die atheistisch geprägte Jugenderziehung in der DDR, es war letzten Endes dann doch der universelle Wille zur Freiheit und Selbstbestimmung, der die friedliche Revolution von unten ermöglichte und so die Wende und ein Leben in Freiheit mit sich brachte.

Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag via RSS 2.0 Feed erfolgen. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

Kommentieren wurde geschlossen.