Vier ZeitzeugInnen – vier Perspektiven

12. Oktober 2009, 9:00 Uhr, KREATIVHAUS Berlin. 20 SchülerInnen der 11. und 12. Klasse des Rückert-Gymnasiums in Berlin-Schöneberg haben sich zum Gespräch mit ZeitzeugInnen aus Ost und West eingefunden. Auch ein Filmteam der Bewegte Zeiten Filmproduktion ist vor Ort, das im Auftrag der Aktion Mensch einen Trailer über deren derzeit geförderte Projekte produzieren wird.

Das Licht stimmt, die Technik ist stand by, die Mauer steht (Atrappe) – allein die Veranstalter sind angespannt: Es fehlen zwei ZeitzeugInnen. Nach einer halben Stunde Bangen sind die ZeitzeugInnen vor Ort, glücklicherweise handelte es sich nur um eine Verspätung der üblichen Verdächtigen (die Bahn) und man konnte beginnen.   Projekt_3

Nach einer kurzen Lesung zu den geschichtlichen Hintergründen der Teilung und Wiedervereinigung Berlins (Lesung: Matthias Warncke und Claudia Gratz) und einer atmosphärischen Einstimmung in die Thematik mit einem akustischen Spot (Idee und Produktion: Jana Debrodt) wurden die ZeitzeugInnen vorgestellt. Kerstin Kuzia (Ost), Gilbert Furian (Ost), Holger Zeidler (West) und Wolfgang Fritz (West) nehmen auf dem Podium platz. Erste Fragen werden von den SchülerInnen auf Karten geschrieben und an die magnetische Maueratrappe geklebt. „Inwiefern hat sich Ihr Leben nach dem Mauerfall geändert?“, „Haben Sie den Mauerbau erwartet?“, „Gab es auch positive Aspekte in der DDR, die Sie jetzt vermissen?“… Diese und viele weitere Fragen wurden an die ZeitzeugInnen gerichtet. Und so verschieden wie die Menschen sind, so verschieden sind auch die ZeitzeugInnen. So erfahren wir, dass Gilbert Furian als politischer Gefangener in der DDR nach seinem Freikauf durch den Westen wieder in den Osten entlassen werden wollte. Die Worte Heimat und Freunde fallen in diesem Zusammenhang – es gab ein Leben in der DDR. Kerstin Kuzia empfand große Freude über den geglückten Fluchtversuch einer Freundin, einen freudigen Triumpf gegenüber Kontrolle und Überwachung. Mit den Erziehungslagern und Jugendgefängnissen in der DDR hat sie die schlimmsten, traumatisierenden Erfahrungen ihres Lebens gemacht. Vieles von ihrer Geschichte floss in den soeben veröffentlichten Jugendroman Weggesperrt von Grit Poppe ein (Cecilie Dressler Verlag, 2009). Jedoch brauchte auch sie nach dem Mauerfall einige Tage, bevor sie sich mal im Westteil der Stadt umsah. Was sollte sie jetzt mit all den bunten Dingen? Der Westen war ihr fremd.

Menschen, die kurz nach dem Mauerbau den Sprung in den Westen aus einem Wohnhaus wagten, fing Holger Zeidler, der in Westberlin als Feuerwehrmann arbeitete, mit dem Sprungtuch auf. Den Tag nach dem Mauerfall bezeichnet er als den glücklichsten Tag seines Lebens und ist noch heute sichtlich bewegt.

Wolfgang Fritz, der in der geteilten Stadt viele freundschaftliche Beziehungen über die Grenze hinweg pflegte, vermisst manchmal die Zeit, als man zweihundert Meter entfernt in eine andere Welt eintauchen konnte…

Den Osten, wie er war, will keiner zurück – darüber sind die ZeitzeugInnen einer Meinung. Das Experiment, Demokratie und Sozialismus zu vereinen, hätte man wagen sollen, sinniert die Runde. Mit offenen Grenzen, natürlich.

Der Trailer mit dem heutigen Zeitzeugengespräch des Projektes MauerSegler wird am 08.11.09 um 19:25 Uhr im ZDF gezeigt, anmoderiert von Thomas Gottschalk, dem Schirmherren der Aktion Mensch.

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Kommentar

 
  • Kerstin Kuzia sagt:

    Liebes Kreativhausteam,

    noch immer bin ich sehr beeindruckt von Ihren Veranstaltungen im Rahmen des mauerseglerprojektes. Und ich muss Ihnen sagen das Ihr Name des Hauses schon sehr weit gestreut ist .
    Als mich letzte Woche die Schule in Baumholder empfing zu einem Zeitzeugenprojekt war ich sehr beeindruckt.
    die Lehrerin die sich dafür sehr angagierte Frau Kathrin Becker , die im Mai diesen Jahres bei Ihnen zu besuch war hatte über Sie den Kontkakt zu mir aufgenommen.
    Noch nie habe ich so ein spannendes und interessantes Zeitzeugenprojekt in einer Schule erlebt . Sieben Stunden habe ich mit drei zehnte Klassen an diesem Projekt gearbeitet. Ich habe noch nie so interessierte und aufgeschlossene Schüler gerade in diesem Alter erlebt.
    Von daher freue ich mich sehr morgen wieder bei Ihnen zu sein denn Ihre arbeit ist unheimlich wichtig und gern bin ich bereit Sie weiterhin Ehrenamtlich zu unterstützen.
    Liebe Grüsse
    Kerstin Kuzia